Theo Köppen, Göttingen

Dichter, Maler und Musiker (Band: Swinging Mescalero)

Zitiert aus PHOENIX 1:
„Musik-MACHEN: Ich konnte ganz passabel Mundharmonika – blues-harp –spielen, und auf der Gitarre sieben Dur- und drei Mollakkorde – heute auch nicht viel mehr – und hab doch jede Menge Songs geschrieben und mit Swinging Mescalero drei Jahre auf allen möglichen Bühnen gestanden und sogar eine Platte bei Trikont raus gebracht. – Musik war immer gut!

Im überfüllten Zug von der Grenze nach Delhi hätte ich allerhöchstens einen Sitzplatz vor der Toilette ergattert – und wer die Durchfallattacken der Westler kennt weiß, was davor und da drin los war – aber ein paar betuchtere indische Geschäftsleute mit Platzkarten langweilten sich und fragten, ob nicht einer auf der Gitarre was vorspielen könne? – Wer war wohl sofort mit einer geliehenen Schrammelgitarre in ihrem Abteil, schmetterte: The answer is blowing in the wind, Like a rolling stone und die ganze Lagerfeuerpalette, bekam Tee ausgegeben und hatte es gut? – Und wenn ich einen nicht zu anspruchsvollen Gitarrero traf, dem ein langsamer Blues nicht zu blöd war, dann kamen Töne aus meiner Mundharmonika, dass die Mädels ganz zutraulich wurden und näher rückten.

Wenn ich es recht bedenke sind meine längsten Freundschaften über die Musik entstanden – zumindest gibt es wohl keinen Freund, keine Freundin, mit denen ich nicht gesungen habe oder getanzt. Großartige Trommelsessions, endlose Soundexperimente – konzentrierte Arbeit sogar, mit der Band: Drei Mal pro Woche Probe, Jahre lang – das verbindet….“

Anfang der 70iger Jahre machte ich Abitur, trampte danach per Anhalter nach Indien und war als Student in Göttingen bis zum Ende des Jahrzehnts krankenversichert. Diese Zeit verbrachte ich damit Romane zu schreiben, die nicht veröffentlicht wurden, einige Dutzend Erzählungen und Berichte, die ihren Weg in die Öffentlichkeit über Anthologien und Zeitschriften fanden, sowie unzählige Gedichte und Lieder. Es gab damals Radiosendungen mit Titeln wie: Junge Autoren im Gespräch oder Literatur heute, zu denen ich hin und wieder eingeladen wurde. – Ich schrieb Hörspiele oder kleinere Reportagen – und brachte zuerst als Alleinunterhalter, später als Mitglied der Band Swinging Mescalero, nach deren Auflösung mit den Escaleros (und Folgegruppen), meine und die Lieder anderer Autoren auf die Bühne, bzw. auf den Marktplatz.

In diesen Jahren wurden viele Wohnhäuser in den Innenstädten abgerissen, um Platz für Großkaufhäuser zu schaffen. Bekanntlich stehen die heute leer – was wir damals schon prophezeiten. Gegen den Abriss formierte sich Widerstand – genauso wie gegen den unglaublich kurzsichtigen Bau von Kernkraftwerken: Keine 50 Jahre Stromerzeugung, aber hunderttausend Jahre Lebensgefahr durch Radioaktivität.

Diese und ähnliche Themen bekannt zu machen, sie durch möglichst fröhliche und komisch/absurde Diskussion zu verbreiten schien sinnvoll.

In vielen Städten gab es schon seit den 60iger Jahren Musikkneipen, in denen sich die Folk-Szene traf. Buntgemischt gab es Irish-Folk, amerikanische Country- und Westernmusik, lateinamerikanische Revolutions- und französische Folklore, und die ersten deutschen Liedermacher. – Dylan, Joan Baez oder Donovan kannte jeder, und der Nörgelbuff in Göttingen war so ein Treffpunkt, wo die deutschen Originale zu hören und zu sehen waren. Es gab noch nicht gar so viele Auftrittsmöglichkeiten in den ersten Jahren – also spielten Hannes Waader, Otto Waalkes, Reinhard May oder Franz Josef Degenhard in derselben Location wie die einheimischen Zupfgeigenhanseln. Da nölte (und nölt wohl immer noch) der Jose Feliciano Imitator und grunzte der Stadtpenner für Freibier – alles ganz zwanglos. Und wenn man es an einem Tag der offenen Bühne 20 Minuten lang schaffte nicht vom Publikum verjagt zu werden, gab es Freibier. Da spielte ich auch – zwei meiner Mit-Mescaleros lernte ich da kennen – und so fing das an.

Auf Partys wurde ich aufgefordert doch mal meine eigenen Lieder zu spielen. Ich wurde nur deshalb eingeladen, weil Leute fragten: Kommt Theo auch? Das machte richtig Spaß!

TON STEINE SCHERBEN und UDO LINDENBERG hörte ich in diesen Jahren. Deren Texte und deren Sound war okay. Die anderen deutschen Bands taten gut daran englisch zu singen – denn: Was die da so an Botschaften verbreiteten war nicht gerade erwähnenswert, fand ich wenigstens.

Swinging Mescalero

„Erinnert mich irgendwie an Rio Reiser“ war aber echt hohes Lob, und WENN nach einem Live-Auftritt jemand was in der Richtung zu mir sagte war ich – zugegeben – happy…

Geld verdienen, im Radio gespielt zu werden – das war von vornherein nicht wirklich mein Ding. Dafür gab es viel zu wenige Leute, die in etwa MEINER Meinung waren.

Für den Sound, den ich gerne gemacht hätte – laut und dreckig – hätten wir teure Anlage gebraucht, gute Mikrophone, richtige Auftrittshonorare.. Wir spielten auf Anfrage in gerade frisch besetzten Häusern in Norddeutschland, mal in der Freien Republik Wendland oder auf einem Solidaritätskonzert für Kernkraftgegner – da war es wichtig, bei Bedarf alles unter den Arm klemmen und abhauen zu können. Mann – während wir im Studio für die Platte schufteten, wohnte ich bei Freunden auf dem Sofa – und nervte, weil ich mir keine eigene Bleibe besorgte – und lebte von kärglichen Straßenmusikeinnahmen. Ich kann sowieso meine eigenen Sachen nicht gut verkaufen – was für ein Glück war es da, mit Freund Heiner zusammen aufzutreten: DER, mit seiner Theatererfahrung, schaffte es in Nullkommanix einen Menschenauflauf zu produzieren – und bevor wir den ersten Ton gespielt hatten war schon mehr Geld im Hut, als ich an einem harten Arbeitstag alleine zusammen brachte..

Heute kann man Swinging Mescalero googeln. Die Platte findet sich hier und da mal bei E-bay, auch einen Sampler mit Liederjan, Hannes Wader und anderen gab es.

Unzählige Cassetten verkaufte Jo aus seinem Bauchladen heraus. In einigen Memoiren werden wir erwähnt. Jürgen Trittin hat wohl damals unsere Auftritte in der Augenklinik gehört und das mal in einem Interview gesagt.. Ist ja auch egal – damals war es genau das, was ich gerne machen wollte – und eine kurze Zeit lang auch mit genau DEN Leuten, die ich prima fand…
Das damals nicht nur WIR was am Laufen hatten – und einige auch sehr viel erfolgreicher waren – finde ich völlig okay.. BAP zum Beispiel. Verdammt lang her…

Theo Köppen und Eugen Pletsch

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