Christian Lugerth


Musiker/Schauspieler
Christian Lugerth

 1.)   Was hast Du in den 70/80ern gemacht? Straßenmusiker/ Folk-Sänger / Singer/Songwriter/ in einer Band?

 1975 habe ich Abitur gemacht. Danach – als Mitglied im KBW – zum Militär gegangen. Schießen lernen für die Revolution. So blöd war man damals. Eine Gitarre hatte ich seit dem 15ten Lebensjahr. Die Fortschritte waren anfangs sehr begrenzt. Nach dem Ende der Militärzeit zog ich mit mehreren „Freaks“, wie wir uns gerne nannten, in ein altes Haus. Waren auch ein paar Musiker, eher Rocker und Fusionfreaks, unter uns. Da wurde dann, gerne unter Zuhilfenahme verschiedenster Stoffe, die Nacht musikalisch zum Tag gemacht. Meistens war es der Blues. Geschrieben habe ich zu der Zeit auch recht fleißig, aber meist Lyrik, Kurzgeschichten im Sinne der Altvorderen Ginsberg, Kerouac, Corso, Bukowski und Co. 1979 begann ich mit der Ausbildung zum Schauspieler, erst in den USA, dann in Kölle.

 2.)   Inwiefern hattest Du damals Kontakt mit der Deutschfolk-Szene?

Keinen direkten. Das Studentenkollektiv, welches unsere Stammkneipe in Konstanz am Bodensee, wo ich aufwuchs, führte, wurde später zu sehr rührigen und für Süddeutschland prägenden Veranstaltern (KoKo / Zeltfestival Freiburg). Und da haben wir uns halt angeguckt, was im Angebot war. Bernies Autobahnband (fand ich toll den Uli mit seinem Vierzigtonner), Elster Silberpflug, Ougenweide, irgendwelche Iren, Liederjan, Tommy Baier und und. Ja, natürlich Witthüser & Westrupp und Hannes Wader, die Urväter. Aber da die unvermeidliche Flöte in allen Spielarten ein mir sehr unangenehmes Instrument ist, hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Das prägende Konzert der 70er war für mich AC / DC, die ich auf ihrer ersten Deutschland – Tour sah. Urknall. Meine damalige Freundin, eher in esoterischen Bereichen und dem Deutsch – Folk unterwegs, warf mich dann für ein paar Wochen aus dem Bett. Wegen dieser ekelhaften Machomucke.

Hätte ich fast vergessen. Ein alter Schulfreund studierte in München und wohnte über der Kneipe, wo Fredl Fesl gerne auftrat. Der Größte. Vor allem gab es da ganz unesoterisches Augustiner Helles. Damals noch im Rest der Republik komplett ungekannt.

 3.)   Warst Du auch später „künstlerisch“ tätig, was auch „lebenskünstlerisch“ beinhalten darf.

Erstmal: Lebenskunst ist keine Kunst. Bestenfalls eine Begabung den Widrigkeiten des Lebens mit Humor zu begegnen. Als Mann, der seit nun 40 Jahren seinen Lebensunterhalt vollberuflich als Schauspieler, Regisseur, Rezitator, Bühnenautor und seit einigen Jahren auch als Musiker ranschafft, reagiere ich gerne allergisch auf Feierabendkulturschaffende. Das muß nichts über die Qualität des Dargebotenen aussagen, aber sind halt zwei paar verschiedene Schuhe. Wird gerne mal, auch von poltischer Seite, unzulässig verquirlt. Mein gesamtes Schaffen in Sachen Kunscht ist auf meiner Homepage www.lugerth.de dokumentiert. Und der ein oder andere Clip auf You tube existiert auch.

 4.)   Was verbindest Du mit dem Begriff Deutschfolk?

Es war meistens Sommer, wir saßen auf einer Wiese, kifften, hübsche Mädchen ließen Haare und lange Röcke wallen und wir Jungs gröhlten bei Uli mit seinem Vierzigtonner und wurden von den feinfühligeren Gästen böse angeschaut.

Einen neuen Zugang zu dem, was richtiger guter Deutschfolk sein kann, habe in der Beschäftigung mit Gerhard Gundermann gefunden. Habe einen Gundermann – Abend am Stadttheater Gießen inszeniert und war bis zum Beginn des letzten langen langen Lockdowns auch mit Gundermann – Liedern solo aufgetreten.

Und bei meinen Besuchen in Hoyerswerda – Recherche für das Projekt zu Gundi – lernte ich einiges über die Folkszene in der untergegangenen DDR. Wenzel vor allem. Textlich sind die schon ganz vorne dabei.

 5.)   Was machst Du heute?

Noch ein Jahr bis zur Rente und zur Zeit noch von Corona stillgelegt.

Schreibe ab und an Lieder im Auftrag der Stadt Gießen. Singe sie dann in die Kamera. Digital ist schlimm, gibt aber ein paar Kröten.

Plane, wenn es wieder geht, Auftritte mit meinen zwei Dylan Bands (LahnDylanKreis / KollektivBeBob) zu Ehren des 80 ten des Meisters. Nachträglich.

Werde bald mit zwei Freunden einen kleinen Gig mit Songs der Stones haben.

Vielleicht noch die eine oder andere Inszenierung.

Den Gundermann weitermachen.

Irgendwann ist aber auch gut.

Dann gieße ich mein Gemüse.

 6.)   Fühlst Du Dich im Alter als Künstler vom Staat gewürdigt und sofern (besonders in Corona-Zeiten) nötig, angemessen unterstützt?

Ohne in Details zu gehen: klares Nein. Wer sich digital durch die Antragsformulare der Hilfen oder Stipendien gequält hat, weiß was ich meine. Trotzdem bin ich dankbar für jeden Pfennig. Bin aber, Gott sei es gedankt, verheiratet mit einer Frau, welche im Gesundheitswesen arbeitet. Da mag ich nicht rumjammern. Und werde nicht verhungern.

 7.)   Welche Gefühle lösen die Erinnerungen in Dir aus?

Etliche. Meist gute. Dafür darf man dankbar sein. Nachträgliche Scham für Blödsinnigkeiten und Verirrungen ist obsolet, denke ich. Ich versuche das Erinnernswerte festzuhalten. Siehe mein Blog www.raendererfahren.de. Oder in meinen Inszenierungen.

Das schönste aber: mit alten Weggefährten zusammensitzen und sich streiten, wie es denn damals wirklich gewesen war. Jedes Bier läßt die Unterschiede wachsen. Und am nächsten Morgen war alles wieder ganz anders.

 8.)   Wie geht es Dir heute und was sind Deine Perspektiven?

Der letzte Lockdown war schon hart. Pläne habe ich keine, verlasse mich darauf, daß mir was einfällt, was es meist tut. Ansonsten nimmt mich Dylan mit seinen Texten an der Hand. Da gibt es viel zu lesen. „When you think that you lost everything you find out you can even loose a little more!“ oder eben „Keep on keepin‘ on!“

www.lugerth.de

http://raendererfahren.de/

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