Hans-Peter Sturm

Korbmacher, Künstler, Musiker – immer bei den Wurzeln…

Von 1970 – 74 war ich im Schlössel Mitglied der Lords Family, einer Musiker- und Lebensgemeinschaft junger Menschen, die sich aufmachten um ein anderes Leben zu leben.

Ich war zwar keiner der Haupt-Musiker, doch auf vielen Konzerten mit dabei, in Musikalischen Klangbildern, dem Sound-Raumschiff, zeitlos schwebend. Das war eine sehr inspirierende und verwandelnde Zeit.

Lords Family (Peter Sturm ganz vorne rechts)

Nachdem sich die Gruppe aufgelöst hatte, gammelte ich einige Zeit in Europa herum. Dann trieb mich der Schaffensdrang dazu an, einen Beruf zu erlernen. (…) Durch eine Liebschaft wurde ich auf den Korbmacher-Beruf aufmerksam und so ging es mit der Gitarre und wenigen Habseligkeiten 1976 nach Lichtenfels in die Fachschule für Flechtwerkgestaltung.

Geprägt von der Gemeinschaft der Erfahrung von Lords Family wollte ich wieder in einer Gemeinschaft leben. Zuerst waren wir Korbmacher-Fachschüler, und konnten in einer großen Mühle in Lichtenfels leben, die alle Vorteile für eine Kommune bot.

Viele Gleichgesinnte wohnten in der Umgebung und die Mühle wurde allmählich zu einem Bahnhof: Es gab BIO Food zu kaufen. Feste wurden gefeiert und dabei musiziert, geliebt und gelacht.

Immer mehr Leute gesellten sich dazu und aus dem harten Kern hat sich dann die Gruppe der LÜ-Leute gebildet.

So mystisch-romantisch für mich das Schlössel war, so ekstatisch gestaltete sich die Mühle, der sich auch der Laufi, [1]nicht entziehen konnte und bei uns einzog. Eine neue Gruppe war geboren. Als dann die Lehrzeit für einige zu Ende ging fassten wir den Entschluss alle Besitzgüter zu verkaufen. Wir legten das Geld zusammen um uns einen Bus (Setra) zu kaufen. [2] So ging es auf die Reise. Zwei Tipis und ein wunderschöner Bus. Ich hatte wenig Zeug, doch meine Gitarre war im Koffer dabei und wurde bei jeder Gelegenheit ausgepackt und gespielt.

Die Reise führte uns nach England – Stonehege – Glastonbury –Wales und auf viele Festivals und Kraftplätze. Es war eine abenteuerliche Reise und eine aufregende, heilige flippige Zeit. Wir hatten viel Spaß und zu jeder Gelegenheit wurde freie Musik gemacht.
Doch die Enge dieses Lebens (wenn sich nachts jemand umdrehte, lachte oder weinte – alles hat man mitbekommen. Zurück in Deutschland entschlossen wir uns deshalb, dass wir zwar zusammen bleiben würden, doch mit einzelnen mobilen Wohneinheiten: Zirkuswagen, Planwagen Tipis etc. Das wurde dann umgesetzt.

Damals war es noch möglich zu erschwinglichen Preisen Zirkuswagen und Traktoren zu bekommen. Die Wägen wurden auf unsere Bedürfnisse umgebaut und so entstand eine bunte Wagen-Kolonie, in der wir unser selbstgewähltes freies Leben ungebunden weiterleben konnten.

Wo immer wir einige Zeit standen flocht ich Körbe, um den Unterhalt für meine Lebensgefährtin und mich zu finanzieren. Geld brauchten wir  nicht viel. Nur Sprit für den Trecker und für die gemeinsame Essenskasse. Es wurde reihum gekocht – es gab immer was Leckeres! Telefoniert haben wir in der Telefonzelle und ab und an gab es ein gutes Fläschchen Wein.

Die Lü-Leut‘ Foto: Laufi

In dieser Zeit fingen wir auch an eine Band zusammenzustellen. So gegen  Abend, auf einem Waldparkplatz oder dergleichen wurde schnell den Generator ausgepackt, ein wenig abseits gestellt, der kleine Motor für Stromerzeugung an geschmissen und dann ging es los mit Elektro-Instrumenten. Wir hatten viel Spaß bei unseren Wald und Wiesen Sessions. WOW, das war echt geil!

Wenn ich mich recht erinnere war der Insider-Name unserer Band Leerlauf!Der passte gut zu unseren brummenden Trecker. Es entstanden Stücke wie „Die Kupplung schleift“ oder „Hey Leute ist das noch dicht“ Spaßvolles Musizieren war uns wichtig!

Einmal, als wir im Bayerischen Wald unser Winter Camp hatten, war der Übungsraum ein Gewächshaus. In diesem Camp waren wir an die 40 Menschen, jung und alt – ein Wohnwagen Hype war ausgebrochen.

Ich bewunderte den Ulli, der zu uns gestoßen war. Täglich spielte dauerhaft, Tonleitern rauf und runter und übte und übte. Das hätte ich auch gerne mit der Band gemacht  doch der Spaß stand im Vordergrund – richtig was üben war nicht angesagt.

Nach ca. fünf Jahren, als dann unsere Tochter Ella geboren wurde, wollte ich sesshaft werden und meinen Beruf Flechtwerkgestalter ausreizen. Und so wie es kommen musste landeten wir am Bodensee ein wenig im Hinterland bei Jan Fride und Willa Bacherle.

Dort konnten wir vorerst mal mit unserem Zirkuswagen stehen. Ich suchte aber ein Haus, das wir auch fanden und so konnte ich ein Flecht- Atelier eröffnen.

Doch bald kamen die von der Handwerkkammer und sagten: „Ja wenn Sie keine Meisterprüfung haben, können Sie keine Körbe verkaufen“. So war ich gezwungen die Meisterprüfung zu machen, die ich dann 1986 machte. Diese Prüfung hat mir in meinem Flecht-Werdegang noch sehr viel gebracht. Doch eine Familie zu ernähren erforderte einen enormen Zeitaufwand an Arbeit in der Korbmacherei. Da musste ich mir was einfallen lassen um, einen gerechten Stundenlohn zu bekommen.

Aber wie heißt es so schön: Not macht erfinderisch. Die Flechterei wurde auf einen anderen Level gebracht. Ich experimentierte mit  Naturmaterialien, die in der herkömmlichen Flechterei nicht benützt wurden und ich wurde fündig! So entstanden Rahmengeflechte, angelehnt an Japanische Gartengeflechte, Objekte. Lebender Weidenbau – Weidenpavillons für Garten und Festivals – und Sitzmöbeln aus einheimischen Material. Durch neue Techniken und innovatives Arbeiten mutierte ich zum Flechtkünstler.

Im Bodensee Raum lebten einige Künstler, unter anderen die „Sanften Strukturen“, mit denen ich einige Projekte machte. Bei einer Ausstellung waren drei Preise ausgelobt, dabei wurden zwei meiner Exponate prämiert. Dadurch wurden die Hochschulen auf mich aufmerksam, wurde eingeladen Lehraufträge abzuhalten. Kurse – Seminare folgten. Sehr aufregend plötzlich in einer solchen Position zu sein. Es ist schön zu sehen wie bewusste Veränderungen unser ganzes Sein bestimmen.
Alles in meinem Leben hatte seine Zeit: Die Lords Family, die LÜ s und die Flechterei und wenn ich als Musiker kein Künstler geworden bin, dann wurde ich halt Flechtkünstler!
Was ich tat und tue ist von Leidenschaft geprägt – insofern bin ich  ein Lebenskünstler, der sich irgendwann entschloss, Handwerker zu werden

Auch Musik – von der Pike auf erlernt  – ist ein großartiges Handwerk und Musik war und ist ein Bestandteil meines Lebens. Welche Art von Musik – Folk, Rock, Blues, Jazz oder auch Klassik – alles saugte ich auf und bin den Künstlern dankbar, die sie spielen. Immer wieder nehme ich meine Gitarre zur Hand und vor einiger Zeit habe ich mir eine Ukulele besorgt und mich da ein wenig rein gefuchst. Das macht echt Spaß und liegt mir

Nun bin ich Pensionär. Da in die Künstlersozialkasse nicht viel rein bezahlt wurde, bekomme ich keine hohe Rente. Deshalb bin ich froh, hin und wieder ein kleines Projekt machen zu können. Doch Bescheidenheit und Zufriedenheit ist in allen Lebenssituationen Glück verheißend. Ich habe ein kleines Gärtchen und  im Sommer kann ich mich damit noch dankend dazu ernähren.

Das Leben hat mich Bescheidenheit gelehrt, im Besonderen das R(a)umfahren mit den Wohnwägen. Denke oft, mit Mitgefühl an die Musiker/Innen und Künstler/Innen, die in dieser Corona Zeit keine Bühne bespielen können. Hoffentlich können sie sich neu erfinden. Dazu wünsche ich viel Glück und Kraft!

Hin und wieder höre ich Musik, doch nicht mehr so viel wie früher. Meine Lieblingsband sind die Grateful Dead – ich lasse mir aber manchmal auch ein paar Sterne von Jimi Hendrix runterschmeißen. Auch Klassik darf es sein, doch am Liebsten lasse ich mich von der Klangfülle der Stille berauschen.
Abschließend stelle ich fest, dass die Innenschau, die Inneren Freiheit, die ja auch die Musik ausmacht, mein Leben prägt hat. Das macht mich demütig, dankbar und zufrieden, in dieser nicht so einfachen Zeit.

Hans-Peter Sturm


BUCH: Weidenflechtwerke
Lebendige Strukturen im Garten. Marion Fröhlich, Hans-Peter Sturm. 2008. 155 S., 124 Farbfotos, 162 Farbzeichn., geb. ISBN 978-3-8001-4895-0. € 29,90. ET-Ist: 01.01.2008

WEBSITE: http://weidensturm.de/

Über die Musik der Family von Sepp Kuffer 

http://www.lordsfamily.de/


[1] Laufi: Mitherausgeber der Alternativzeitschrift Holy Flip

[2] Es gibt viele Geschichten zum Bus, doch das würde den Rahmen sprengen.

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