Dorle Ferber

Frei schaffende Musikerin, Sängerin, Geigerin, Performerin, Komponistin, Kultur-Netzwerkerin, Künstlerin,
Dorle Ferber

Dorle Ferber spielte bei Elster Silberflug, Zauberfinger, Zyma, Cochise und reist abenteuerlustig seit über 40 Jahren durch viele musikalische Landschaften. Sie ist fortwährend in spannende, auch interkulturelle Kooperationen eingebunden. Als Soloperformerin ist sie mit eigenem, stilistisch weit gefächerten, klangfantasievollen Programm für Stimme, Violine, Klangobjekte unterwegs. Die letzte Zeit spielt sie häufig im Duo mit dem Kontrabassist Kolja Legde. Solo CDs: VORSTADTGESÄNGE (1994 bei wunschklang media) STROH ZU GOLD (2010 bei klangweltenrecords) Album WILDE WELTEN in Arbeit, VÖ Ende 2021) www.dorle-ferber.de

BACK ON THE ROAD? Unterwegs bin ich doch schon immer….und gerade bin ich bei WILDE WELTEN gelandet. So soll nämlich mein neues Album heißen. Ich bin am Durchhören von Aufnahme-Skizzen, am Aufnehmen, am Konzipieren, übergeordnete Gedanken aufschreiben. Die Ideen gehen nicht aus. Aber es wird auch wieder ein Werk, das sich genreübergreifend der Einsortierung in fest definierte musikalische Sparten verweigert. Richtige Songs wie „Manche Tage“ sind dabei, „all blood is red“, Text von einem Freund, habe ich im Sommer 2020 für das Klangspektrum Baden-Württemberg, eine Art Hilfsprogramm für frei schaffende Musiker*innen aufgenommen. Mit „Sizi Bina“ ist die Vertonung eines mittelalterlichen Bienensegens aus der Lorscher Chronik, vielstimmig gesungen und gesummt mit an Bord, auch dabei ein echter „Protest“-Song. Musikalisch hab ich dabei auf ein türkisches Lied, Kommentar zur Gezi-Park-Bewegung, zurückgegriffen. Mein deutscher Text war vor ein paar Jahren ursprünglich für eine Demo gegen Fracking entstanden, wurde anschließend umgedichtet für den Aktionstag der Inititative „Keine Waffen am Bodensee“.

Jan Fride und Dorle Ferber

Inzwischen hat sich daraus ein komprimierter thematischer Rundumschlag über vieles, was grad brennt, entwickelt, verbunden mit Hoffnung auf bessere Zeiten für alle. Jazzig und eher frei entwickelte sich bei Aufnehmen „Hinaus“, Vertonung eines Texts von Louise Ashton, einer Vorkämpferin für Freiheitsrechte vor allem für Frauen aus der demokratischen Bewegung des 19. Jahrhunderts. Experimentelle Klänge mit field recordings unterfüttert, die für Klanginstallationen entstanden sind, stehen ebenfalls auf der Liste. Und auch der archex-Walzer, den ich vor 10 Jahren für unser erstes, archaisch-experimentelles Musikfest Taisersdorf, kurz ARCHEX, geschrieben habe.

Zu diesem wie wir es beschreiben, lokal-global-intergalaktischen, kurz „glokalen“ Event hier im Taisersdorfer Atelier für Klang&Eisen, kommen Neugierige aus der hiesigen Nachbarschaft, Jazzer, Jazzfans, Musiker der frei experimentierenden Szene, aber auch Folkies oder Musiker*innen von wo ganz anders wie der aus Indonesien stammende virtuos und ziemlich abgefahren spielende Gitarrist Tomi Simatupang oder der aus dem Sudan stammende Konstanzer Musiker Mohamed Badawi zusammen. Es erklingt Komponiertes und Improvisiertes, ein extatisches und ergebnisoffenes Zusammenkommen entwickelt seine verzaubernde Wirkung, wird jeweils mit von den Beteiligten getragen. Ich erinnere mich an Schluss-Sessions um Mitternacht, bei denen die Leute auf den Bühnenpodesten und die davor auf den Stühlen wie in Zeitlupe choreografiert durcheinander gerieten, zu einem Klangwesen verschmolzen…. 2020 und auch 2021 musste archex aus bekannten Gründen ausfallen. Also, ein Album soll draus werden!

Mich treiben jetzt die Fragen um, wie und wo herausbringen? Da existiert grad viel Dschungel, hallo Welt, hat jemand eine Idee, ein Label für sowas? Ohne Label spielts keine Sender….

ON THE ROAD war ich die vergangenen Jahre auch immer wieder mit meinem Solo- Programm für Stimme, Violine, Obertonflöte, Klangobjekte & Kram: Auf dem Bardentreffen in Nürnberg, auf Sommerfestivals und in Kleinkunstkellern, beim Wettbewerb Musik Kreativ, auf Frauenmusikfesten und Umwelttreffen, auf Bauernhöfen, Hinterhöfen, auf Bühnen in Parks und an Ufern. Ein Programm mit eigenen Stücken, manchmal Vertonung eines Gedichts, Dadaistische Rezitation zu den Klängen meines goldenen, aus Schrottteilen zusammen gebauten Gong-Objekts. Inspiration? Von überall her, aus der Natur, aus den wirren Windungen der Gefühlswelt oder dem Alltag, von glühenden Nächten oder dem Rausch eines Tags, vom Wasser oder von Erinnerungen, stets ist die Neugier an Bord, wohin führt mich das? Alles kann heilig sein oder nichts ist heilig, in dem Moment, in dem ich beginne, erzähle ich, das Publikum ist mein Partner. Geige spielen und gleichzeitig dazu singen oder mich mit Pizzicati begleiten, das habe ich ausprobiert und für mich in Musikstücke ausgearbeitet. Zwiesprache halten mit mir selber, zur Eierschneiderharfe Erlebnisse aus der Kindheit erzählen, in einer spontan erfundenen Sprache, gute und böse Geister sprechen und singen lassen. Kamele wandern übers Meer und es träumt die Zaunkönigin. Manchmal sind richtige Songs draus geworden, manchmal überführe ich lose Klangideen aus dem Moment heraus in „instant composings“. Die Zeit und ihr Regelwerk scheint aufgehoben, wenn ich spiele. Ich fliege, tanze, taumel, oder geh schnurstracks drauflos….

Meine erste CD, VORSTADTGESÄNGE, habe ich mit Walter, dem Techniker meiner ehemaligen Band Cochise aufgenommen und produziert, in Dortmund in unserem damaligen Hantel-Studio im Dortmunder Norden, dort, wo ich ab und zu in den türkischen Geschäften nach Kasetten mit Musik aus der Türkei gefragt habe. Roman Bunka von Embryo hat im Checolala Oud gespielt, Rüdiger Oppermann machte dort Station mit dem Koraspieler Malamini Jobarteh. Der Percusssionist Ramesh Shotam trat dort auf mit einem türkischen Ney-Spieler, ich lernte von Youlius Golombek, ehemaliger Embryo-Oudspieler, türkische Melodien und spielte kleinere Konzerte mit ihm. Es gab die aus musikalischer Neugier heraus sich entwickelten Kooperationen mit Musiker*innen aus anderen Kulturen, das Musikbusiness hat dafür den Begriff „world music“ geprägt. Aus Begegnungen mit Nazira, einem türkischen Mädchen, das in Dortmund eine Zeit lang den gleichen Weg hatte wie ich wie, ist ein Lied entstanden, das ich heute noch gerne spiele.
Mein Solo Programm benannte ich damals „Aus Urwald und Küche“, Uli Freise, Elster Silberflug, war das für mich eingefallen. Die ersten Auftritte hatte ich in Ludwigshafen/ Rhein in der Galerie Hartmannstraße 45 auf dem Hemshof. Im vergangenen Sommer schickte mir Eleonore Wilhelm, Künstlerin, Galeristin, zwei DVDs von Videokasetten aus digitalisierte Aufnahmen. In der legendären Galerie Hartmannstraße hatte manches ausgefallene Projekt Premiere gefeiert, oft initiiert vom Mannheimer Gitarrist Hans Reffert, mit dabei Laurent Leroi, begnadeter Akkordeonspieler und viele anderen wunderbaren Musiker*innen… Ich habe einige Jahre unter diesem Titel gespielt.

Meine zweite CD, STROH ZU GOLD; wurde von Rüdiger Oppermann produziert. Für den excellenten Sound ist Kai Schlünz vom Katapult Tonstudio, Karlsruhe, verantwortlich. Kai Engelke rezensierte für das Magazin FOLKER; unter der Überschrift “Wie ein Kobold durch die Stilgefilde“ erschien eine ausführliche Kritik von Georg Spindler, Mannheimer Morgen: Auszüge von diesen und weiteren Besprechungen lassen sich auf meiner Internetseite nachlesen.

MUSIC IS THE ROAD Seit ich in Gruppen und Bands spiele habe ich dafür sehr gerne eigene musikalische Ideen beigetragen, Stücke oder Stückideen entworfen, skizziert, ausgearbeitet, komponiert, soweit die Gruppen dafür offen waren. Ich habe auch Texte vertont, übersetzt, bearbeitet, arrangiert und gerne bei Proben, den musikalischen Prozess mitgestaltet. Oft blieben Ideen übrig, die ich auf Notenpapier oder mit dem Kasettenrecorder aufgenommen gesammelt habe. Als die Firma Fostex ein einfach zu bedienendes 4-Spur- Kasettengerät zu einem mir günstig erscheinenden Preis auf den Markt brachte, habe ich sofort zugeschlagen. Die Möglichkeit mit Overdubs zu arbeiten, Chöre selber zu singen und das zuhause auf dem Bett oder sonstwo und ohne dass mich jemand mit Genörgel oder Rumkritisiererei eingriff! Super! Und das ganz funktionierte mit Batterien auch draußen in der Landschaft. Ein Künstlerfreund hatte mir angeboten während seiner Abwesenheit einen Monat lang sein einsames altes Haus in der Provence oberhalb der Stadt Apt gelegen zu bewachen, die sehr selbständig umher schweifende Katze zu versorgen und Pflanzen zu gießen. Ohne Strom, umgeben von paradiesischen Kräuterdüften, nachts von einem weiten Sternenhimmel überspannt, voller Vogelstimmen und Insektengebrumm. Dieses Material bildete wenig später die Grundlage für meine VORSTADTGESÄNGE.

Um mich nicht ganz von der Welt abzukoppeln, hatte ich damals mein taz-Abo von Dortmund aus in die Provence umbestellt. Der Gang zum Briefkasten, ein Dufterlebnis. Trotz der Abgeschiedenheit und des tiefen Friedens, den ich dort empfand, war mir die Neugier auf die Welt und Berichte über Unfrieden und Unglück anderswo, welche Ideen können die Welt besser machen, geblieben. Schon damals ging es um Verteilungsgerechtigkeit, Regenwaldzerstörung, Verfolgung von indigenen Umweltschützern, Wasser. Das eigene Denken wollte immer wieder neu geprüft und eingestellt werden.
THE ROAD ist für mich auch der beständige innere Ruf nach Gerechtigkeit für alle, Schutz den Verfolgten, Befreiung von Unterdrückung berbunden mit dem Wunsch alle mögen im Tanz des Lebens glücklich werden.

Ein schmaler Pfad lockte mich vom Haus weg, ich kletterte über eine Natursteinmauer, saß mit Geige und dem 4-Spur-Gerät im Ginster und spielte drauflos. Ich probierte aus und brachte angelegten musikalischen Wildwuchs in Form. Dabei überkam mich so etwas wie ein universelles Liebesgefühl. Durch die Musik fühlte ich mich angeschlossen an alles, obwohl ich ganz alleine im Gebüsch hockte und oft gaben die Vögel ihre Stimmen dazu und die Zikaden und der Wind und auch der Blick in die blaue Weite…
Der Casetto war meine Klangschachtel für musikalische Skizzen, dazu kamen Gedichte, die ich vertonen wollte wie „Der Zipferlak“ aus Alice im Wunderland, von Ivan Goll die „Karawane der Sehnsucht“.

HEUTE nehme ich hier in Taisersdorf mit Computer mit vielen Spuren auf. Ausprobieren und experimentieren, dafür habe ich mir eine „amtliche“ Soundkarte und ein gutes Mikro zugelegt. Ob für Kindermusikprojekte, für anstehende Kooperationen, für Chöre, für Theaterprojekte, für Performances, für einen Wettbewerb. Für wen auch immer, einmal erwischt einen der Flow und man wirft sich auf die Bahn, saugt sich ein, wartet nicht unbedingt drauf, ob jemand kommt und mit mir arbeiten möchte. Aber manchmal reicht ein Wink und es beginnt aus unbekannten Quellen zu sprudeln und ich kann gar nicht genug davon in Musik verwandeln.

Freischaffend ON THE ROAD bedeutet auch ohne Corona-Einschränkungen ein Hin und Her, ein Auf und Ab. Selten überblicke ich mehr als die nächsten 3,4 Monate, manchmal überkommt mich das blöde Gefühl überhaupt nicht gebraucht zu werden.  Ratz das „Unnütze“ wird aussortiert, weg mit den Blumen! Vieles bei uns Freien läuft eh ohne Vertrag, Abrechnung erst am Ende eines Projekts. Hätte man, als es dann ans Gelder verteilen ging, nicht etwas weniger Unterstützung der Luftfahrt und etwas mehr dem Kultur-Humus geben können?
Eigentlich wär 2020 finanziell ein gutes Jahr geworden, es stand viel im Kalender und im Projektheft. Statt dessen stellte sich ein Mix ein aus Ersparnisse auffuttern, etwas online-Unterricht, endlich doch noch Corona-Hilfe und einfach nix ausgeben.
Es werden newsletters aus den Kulturministerien verschickt mit der Aufforderung Anträge für Kulturprojekte einzureichen. Mal heisst es„Kultur auf Abstand“, mal was mit „Neustart“, mal im „ländlichen Raum“, jedes mal eine leicht unterschiedliche Profilierung und ein anderer Schwerpunkt. Oft versehen mit dem Hinweis, dass die Kultur nicht sterben darf, dass die Antragstellung diesmal völlig unbürokratisch und einfach sei!

Einfach? Unbürokratisch? Pustekuchen! Sobald es in die Details geht, kommt die Beschäftigung mit „wie viele km werden sie dafür fahren? Was kosten die Plakate? Wie viel nehmen Sie Eintritt? “etc, etc.
Meist dürfen die Projekte noch gar nicht begonnen haben und dann soll man ausgearbeitete wohlüberlegte, geschätze Einzelheiten in eine vorgegebene Maske eintragen und mit Unterschrift beglaubigen.

Kultur außerhalb von Institutionen funktioniert anders, Ihr lieben Verwaltungsmenschen.

Wir sind gewohnt, weit über unser Limit Zeit und Energie in Projekte zu stecken, für die wir brennen, vertraut uns! Mit einem Kulturpartner aus der Region bin ich mehrmals zusammen gesessen. Wir haben uns wie wir finden, bereichernde kulturelle Ereignisse für die hiesige Pampa ausgedacht. Kulturmenschen aller Sparten angerufen, „hey, seid Ihr dabei?“
Wochen des Wartens, „sollen wir schon mal dafür proben“, dann wieder nach Wochen des Wartens die Mail mit dem Inhalt, es wären wieder zu viele Anträge gewesen man müsse auswählen oder losen….ok, Veratmen, durchs Gelände stapfen..

BACK ON THE ROAD,
wo genau on the road war ich, als im Frühjahr 2020 die Infektionszahlen hochgingen und alles Kulturelle, bei dem Menschen zusammen kommen können, für unabsehbare Zeiträume ins Nirwana gekickt wurde? Bei mir standen musikalische Abenteuer ganz unterschiedlicher Kategorien im Kalender. Konzerte für die 800Jahrfeier der ehemals Freien Reichsstadt Pfullendorf, unter anderem sollten 800 Bäume mit einer musikalischen Aktion gepflanzt werden. Dann mein Herzens-Musikprojekt mit der Integrationsklasse einer Überlinger Grundschule. Ich hatte für ihre Märchenaufführung Lieder vertont und Klangzauber vorbereitet. Seit vielen Jahren schreibe ich Lieder für Kinder, übertrage Lieder aus anderen Sprachen, arrangiere…
Mein freier Chor hatte gerade begonnen meine 4-stimmige a capella Lyrikvertonung eines Rose Ausländer Gedichts zu proben. Ich hatte ein schräg-heitere vielstimmige Suite für Chor und Orchester geschrieben, „Tutto- des Lebens wilder Kreis“ gewidmet Unkräutern und Insekten, eine Hymne auf den Tanz des Lebens. Realisiert werden sollte sie mit der Lautenbacher Blaskapelle, Musiker*innen, einer großen Behinderteneinrichtung, ein hochmotiviertes Musik-Ensemble, in dem Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam auf musikalische Reisen gehen….

Konzerte mit Kolja, meinem musikalischen Compagnero, genialer Jazzbassist, standen an wie auch Märchenaufführungen mit Musik mit meinem Theaterkollegen Claudius Hoffmann. Ganz besonders hatte ich mich auf eine weitere Kooperation mit Njamy Sitson, dem charismatischer Sänger und Musiker aus Kamerun, der in Augsburg lebt, gefreut „Wasser, Land und Regenwald“ , ein Programm speziell entwickelt für die Seebühne der Überlinger Landesgartenschau.

MUMPF !… dann flogen mir Ideen für Bilder zu, Partiturbilder, gemalte imaginäre Musik. Für die Kunst-Ausstellung des IBC-Überlingen,„mit Kunst aus der Krise“,habe ich eine „Klangfigur“ gebaut, mit Pflanzenteilen behängt wie für einen Tanz. Sie sang aus einem Messingtrichter heraus „Wo gehen wir hin, wenn wir gehen?“, Beschäftigung mit Endlichkeit und dem Universum… Ok, sonst no work, no money…viel draußen rumlaufen, Winziges entdecken, die Veränderungen der Pflanzenwelt, die Lieder von Wald und Wiese und vom Bach und Gerüche und Düfte…beim Rumlaufen ging es weiter, im Kopf, es stürzte auf mich ein, ich rief in den Wald..Irgendwann erreichte mich dann auch Corona-Hilfe auf dem Konto…kurze Lockdown-Unterbrechung: Ein Gig im Herbst im Parkhaus Pfullendorf , Juchhu!

Vor dem großem Schild AUSFAHRT spielte mein WILDE WELTEN TRIO, eine Premiere. Mein Duo mit Kolja erweiterte sich mit Andih Merckh, genialer Multiinstrumentalist aus dem Allgäu, auf vielen Instrumenten zuhause, zum Trio. Die Kontext-Wochenzeitung aus Stuttgart, der ich die Ankündigung geschickt hatte, überschrieb eine kleinen Artikel über Kultur und Corona mit „alles Zombies außer Dorle“. Wir spielten Stücke meiner CD Stroh zu Gold, aber auch Neues. Kalt wars, der Wind flog von der Seite herein. Die Leute blieben zwei Sets lang, saßen in Decken eingemummelt vor uns. Der Veranstalter verteilte Wärmflaschen und heißen Tee. Danke, André Heygster, dass Du das möglich gemacht hast…wir spielten! Für bessere Zeiten und auf das Leben! Dann wieder ROUTE BARRÉE.

Weiter und immer ON THE ROAD, den inneren Kompass stets neu justierend, „auf meinem fliegenden Teppich ist noch Platz“, singe ich in einem meiner Kinderlieder, als es noch möglich ist, mit den Kindern, „wohin wohin? Nach Norden, nach Süden, nach Osten, nach Westen, wo ist es denn auf der Welt am besten? Wo?“ Damals nach dem Studium hatte eine Musikerfreundschaft mit Hartmut Höfele aus Weinheim begonnen. Selber junger Papa, begann er mit Musikproduktionen für Kinder, neue frische Kinderlieder texten oder auch Lieder aus anderen Ländern, in die wir gerne reisen würden, ins Deutsche übertragen. Susanne, seine Frau schreibt schöne Texte, mir fällt das Melodien erfinden leicht und wir haben viele CD Produktionen gemeinsam realisiert. Als Kindermusiktheater FIRLEFANZ haben wir CDs für viele Verlage aufgenommen, live gespielt, sogenannte „handgemachte Musik mit echten Instrumenten.“ Unsere „In 80 Tönen um die Welt“ von vor 20 Jahren entdecke ich ab und zu auch in heutigen Kinderzimmern. Manchmal hatten wir auch Aufnahme und Technisches Equipement auf Tour dabei dabei und arbeiteten unterwegs an Produktionen weiter.

HIMMEL DIE BERGE, Lieder und Geschichten über die Alpenregion, eine unsere schönsten CDs -6 Trompeten gab uns die Kinderjury des HR damals- wir haben sie abgemischt im Norden auf der Kieler Woche, wo wir für die Kinderbühne gebucht waren, in einem Hotelzimmer, es war unglaublich heiß und nach draußen tönten unsere Holla-Dulis und es pfiff das Murmeltier und wir besuchten graue Zwerge mit Höhlen aus Rosenquarz und Katzengold.

Im JETZT denke ich mir mit Andi, einem Musiker, der ein Dorf weiter wohnt und Susaphon spielt, Musik für Picknicke im Freien aus. Wir schicken uns Stück-Ideen für Geige, Stimme und „Suse“ hin und her, erfinden Musik für den Bach, für den Mai und für alle Leute. In meiner Vorstellung kommen die Menschen wieder zusammen, beleben schöne Plätze oder Orte, die erst durch das, was dort geschieht, schön werden. Sie lagern auf Decken, bringen was zum Picknicken mit, wir bespielen diese Szene und die Leute geben, was sie können und wollen für die Musik in den Hut. Der eine hatte den ganzen Winter keine Möglichkeit zum Geld ausgeben, der darf mehr geben, die andere, die ihr Konto aufgefuttert hat, darf mitpicknicken.

BACK ON THE ROAD? War doch nie weg von the ROAD, bin immer noch voll dabei…aber die Pfade durchs Musikerinnenleben waren stets weit ausladend und voll Gestrüpp, the Road ist nie so eine klar definierte Sache, und oft von Unsicherheiten begleitet, wo geht’s lang und wie lange noch? Du bist auf dem Weg, auf der Suche nach magischen Momenten oder willst der Welt Neues, Erfrischendes schenken, willst die Herzen und die Hirne erreichen. Du legst los und es packt dich Richtung Neuland oder du legst Vergessenes frei….

Von Abenteuerlust getrieben war ich stets auf diversen musikalischen Spuren unterwegs, Folk, Blues, Rock, Chanson, Jazz, Improvisierte Musik, das steckte so ungefähr den Rahmen ab. Und wenn Folk, von woher überhaupt? Worldmusic? Musik der Welt? Der Welten? Die Klassik, obwohl ich klassisch studiert habe und ein Teil dieses Kanons in mir lebt, überließ ich sie damals doch lieber denen, die voll und ganz in diesem Teil des musikalischen Kosmos aufgingen. Oft hörten meine Kumpels von der klassischen Sparte dann in der Freizeit normiertes Zeug aus dem Radio. Die Jungs baten mich manchmal, sie doch mitzunehmen in die verruchten Jazz- und Underground-Keller. Schwer tat ich mich mit meiner Ausbildung in klassischem Gesang, die Gesangslehrerin kämpfte um mich, ich sei begabt Richtung Lied und Arie. Aber meine Stimme wollte einfach mehr oder was anderes. Die Technik, ja, die sog ich ein, das war wie Handwerkszeug von bester Qualität, aber ansonsten fühlte ich mich eingezwängt und nicht frei, ich wollte schreien, seufzen, streicheln, protestieren, kindlich oder böse sein, Gefühlen und Gedanken eine Möglichkeit geben, sich zu entfalten, über Worte weit hinaus ins Universum…zu Göttinnen, Sirenen, Sternen, neuen Welten, the space is the place…

DAMALS, als ich 16 war, meinte ein Freund, hey Geige, das ist doch kein revolutionäres Instrument! Ich lernte Gitarre und habe die Songs von Melanie, Bob Dylan, Donovan, Joni Mitchell, July Felix, Buffy St. Marie, die Lieder der Bürgerrechtsbewegung aber auch die Moorsoldaten, Songs von Brecht, Avanti populo und vieles andere gesungen. Viel, viel später lernte ich von Sängerinnen aus Sibirien, der Mongolei, aus Südamerika oder auch aus den Alpenländern. Einmal fuhr ich zu einem absolut bereichernden Kongress, explizit für Musikerinnen ausgerichtet, in die Akademie Remscheid, zu „unter Wasser fliegen“. Sängerinnen aus vielen Teilen der Welt wie Sainkho Namchylak aus Tuva gaben Praxis-Einblicke in ihre Gesangstechniken, ihre Klang- und Stimmideale. Sie tauschten sich mit uns Teilnehmerinnen über ihr Arbeit mit und an der Stimme aus, über Atmung und Körpergefühl. Wir haben begeistert ausprobiert und miteinander gesungen, in Sprachen, die wir nicht sprechen konnten. Aber wir verstanden alles. Die Begegnung mit Stella Chiweshe, der charismatischen Mbira Spielerin und Sängerin aus Simbabwe hat mich tief berührt und beeindruckt und ist mir bis heute absolut gegenwärtig.

Ich habe aus dieser Erfahrung heraus Stimmtechniken und Stimmklänge ausprobiert, Übungswege auch für extreme Stimmklänge wie Tierlaute, Vogelstimmen u.ä. erforscht, viel ergab sich über einen intuitiven spielerischen Weg.

THE ROAD ging, führte nun auch in Richtung Lautgedichte, Stimmperformance. Ich habe dabei erfahren, dass mir die Stimme mit all ihren Möglichkeiten als universales, ureigenes Instrument zur Verfügung steht, dass Körper und Seele schon Bescheid wissen, wenn „der Moment“ kommt, dass ich über meine eigenen Grenzen gehen kann und dass ich mir nicht wie meine klassische Gesangslehrerin mich gewarnt hatte, die Stimme kaputt mache. Vokale Klangfarben und Ausdrucksmöglichkeiten lassen sich in Feinheiten und Nuancen erweitern, verändern, je nachdem wohin ich stimmlich unterwegs bin. Manchmal führt es auch zu einem leises gesummten Schlaflied für Kleine.

ALS KIND ich selber noch klein war, damals in Mannheim, nah am Rheinufer und mit noch viel wildem Gelände zwischen mir und dem Rhein habe ich einfach alles, was ich hörte, gesungen. Ich sang. Ich summte, sang, sang beim Treppe putzen mit dem Hall vom Treppenhaus. Die Töne kamen einfach und wollte heraus. Musik war immer in meinem Kopf. Oft ermahnte mich meine Mutter, doch nicht ständig bei Tisch zu summen und zu singen. Meine Eltern haben selber umgeben von und mit Kunst und Musik gelebt. Volkslieder? Wurden zuhause gesungen, mit meinen großen Schwestern beim Johannisbeeren abzupfen, beim Geschirr spülen. Im Bücherschrank standen Des Knaben Wunderhorn, der Spielmann, Frau Musica, ein dicker Band mit Stichen von Richter illustriert und vieles mehr. Mindestens ein Meter alter Liederbücher. Meine Mutter wusste dabei sehr genau, welche Lieder sie nicht mehr singen wollte, weil die von den Nationalsozialisten vereinnahmt worden waren. Auch die Geschehnisse und Erlebnisse des „tausendjährigen Reichs“ waren immer wieder in der Familie gegenwärtig. Die Verfolgung jüdischer Freunde, der Überfall auf Polen, die Sowjetunion. Wir besuchten den Dichter Siegfried Einstein in der Richard-Wagner-Straße. Viele seiner Verwandten waren umgebracht worden und hatten die Judenverfolgung nicht überlebt. Thema zuhause war oft Versöhnung, Frieden. Manchmal kamen junge Männer und verschwanden mit meinem Vater im Arbeitszimmer, Kriegsdienstverweigerer, die mein Vater beriet. Meine Eltern waren aktiv bei Pax Christi, mein Vater fuhr zu Friedenskongressen nach Russland, Polen, nach Frankreich und Belgien und man reagierte am Küchentische sehr sensibel, wenn Namen in der Zeitung auftauchten von Persönlichkeiten, die inzwischen „vergessen“ hatten, welche Funktion dass sie „damals“ innehatten….

SUR LA ROUTE In Perpignan sang ich mit französischen Hippies auf der Straße Dylan Songs auf französisch, Lieder von Brassens. Ich spielte Blues auf der Geige, probierte Jazz nach Gehör, lernte intuitiv. Eintauchen in eine Welt aus Klängen jenseits von Sprache. Ein gemeinsamer gerauchter Joint intensivierte oft diese sinnlichen Erfahrungen. Freiluft-Sessions in verwilderten Gärten mit Verstärker, einer aus vielen Teilen zusammengestückelten elektrischen Anlage mit, ganz wichtig, einem Band-Hallgerät, das den Sound himmelwärts aufblies. Ich war stolz auf meinen brandneuen Pick-up an der Geige, der es mich akustisch auch mit E-Gitarren und Schlagzeugern aufnehmen ließ. Drauflos singend erforschte ich mein Instrument Stimme, frei wollte ich sein und singen… freedom´s just another word…oh Janis.

Gleichzeitig spielte ich Kammermusik, Rockjazz, hatte Musikerjobs bei Bühnenmusiken am Nationaltheater Mannheim, z.B. beim Dario Fo-Stück Mistero Buffo, wo italienische Volkslieder und Tarantellas die Szenen verwoben, diskutierte mich durch politische Gruppen, kämpfte mit Musikerkollegen für ein Musikzentrum Alte Hauptfeuerwache Mannheim und für ein freies Jugendzentrum, gegen Giftgasdepots im Käfertaler Wald. Ich war Teil der Mannheimer Frauenbewegung, studierte an der Musikhochschule, hatte u.a. mit Pentangles„the cocoo, she´s a pretty bird“ die Aufnahmeprüfung bestritten, hatte oft das Gefühl, in vielen verschiedenen Leben zuhause zu sein.

BAND, meine erst ernst zunehmende, benannte sich nach einem Paul Celan Gedicht „Mohn und Gedächtnis“. Wir vertonten Celan- Lyrik und spielten Santana, Emerson, Lake& Palmer -Stücke auf unsre Art nach und auch Eigenes, der SWR hat uns für eine Aufnahme ins Studio eingeladen. Mit der Jazz-Rock-Band ZYMA, in die ich anschließend eingestiegen bin, Keyboards und zwei Geigen, konnte mich als Sängerin voll ausleben. Extatische, improvisatorisch angelegte Stücke dauerten bei Konzerten schon mal eine ganze Halbzeit. Ich als junges Ding mit Violine, fühlte mich zu Beginn eines Konzerts von den Blicken der alten erfahrenen Jazz-Hasen oft fast durchbohrt, spürte das „spielt sie eigentlich die richtige Skala in ihrer Impro?“. Aber ich wurde von da an auch immer wieder eingeladen zu Jams, Konzerten und einmal beim Spielen in der Musik angekommen, gab es kein Außen mehr. Oder alles war innen und außen, wurde Klang.

COMPANIONS ON THE ROAD… Gitarrenlegende Hans Reffert aus Mannheim, wurde ein besonders guter Freund. Er machte mir über die Jahre auch immer wieder Mut, meine eigenen musikalischen Wege zu gehen. Es gab viele, die mir geraten haben, hey, musst so oder so singen oder klingen wie die oder der, dann hast das Zeug zum Erfolg. Hab auch dies und das ausprobiert, wollte aber vor allem meinen eigenen Sound finden, I was lookin for my own ROAD.  Hans Reffert war damals in Mannheim d e r Gitarrist und Mannheim war auch schon vor der Pop-Akademie eine absolut lebendige Musikstadt. Durch die GIs war auch  die „heiße“ Musik aus Amerika herüber geschwappt und viele Mannheimer Musiker verdienten ihren Lebensunterhalt mit Gigs in den Ami-Clubs der Region. Hans experimentierte viel mit Effektgeräten, mit Sounds. Als Künstler hatte er aber nicht nur das gesellschaftliche Geschehen von hier vor der Haustür im Blick. Er positionierte sich, mit ihm spielte ich auch bei politischen Kundgebungen. Wenn er nicht spielte oder übte, war er am Malen, Zeichnen. Er besaß eine enorme Bibliothek an Kunstbüchern und Ausstellungskatalogen, zog bei Besuchen immer wieder einen neu erworbenen Band aus dem Regal, kannte sich auch bestens auch mit Klangkunst und auch der Kunst von außerhalb des europäischen Kontinents aus. Wir hörten uns durch neue Platten und CDs.

Hans Reffert R.I.P. und Dorle Ferber

Es ging dabei oft um das Erkennen einer authentischen musikalischen „Stimme“, und oft völlig unabhängig von Genrebegriffen. Das konnte eine total ausgefuchste und komplex gebaute Komposition sein oder das Lied eines Bluesmusikers, der von wenigen Akkorden begleitet seine unverwechselbare Geschichte erzählt. Seit wie uns kennen gelernt hatten, holte mich Hans immer wieder ins Studio, zu Bandprojekten und Konzertereignissen, zu „Musik für Adolf Wölfli“, dem legendären Mannheimer Rock´n Roll-Zirkus, Studio mit Flut&Voice, Zauberfinger, zu Themenabenden mit Musik und Literatur. Von ihm habe ich „spielend“ und intuitiv viel gelernt. Er war in der Kunst und der Musik immer offen für Entwicklungen und Entdeckungen. Wir planten über viele Jahre immer wieder gemeinsame Projekte. Zuletzt war Hans viele Jahre der Gitarrist bei Mani Neumeiers Guru Guru. 2017 verließ er diese Welt…

Bei einem Mannheimer Künstlerfest sang ich Lieder zur Gitarre und lernte den Journalist Dieter Preuß, einen „alten Waldecker“, kennen. Diese Begegnung führte ebenfalls zu einer bis zu seinem Tod andauernden Freundschaft: Wir sprachen viel über Volkslieder, ihren Missbrauch durch die Nationalsozialisten, über regionale Unterschiede, mündliche Überlieferungen, ihren Gebrauch im jeweiligen gesellschaftlichen Leben. Ich entdeckte durch ihn die Sammlung Steinitz „Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters“ und wir recherchierten im Deutschen Volksliedarchiv Freiburg über die Lieder „von unten“, der Armen, der Bauernkriege, der Auswanderer, die Lieder der demokratischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts wie die Lieder, die der früh verstorbene Sänger Peter Rohland auf Platten gesungen hatte, oder die Handwerkerlieder der pfälzischen Zwillinge Hein und Oss Kröher. Tom Kannmacher, Rolf Schwendter und viele andere verschafften sich Gehör. Protestlieder aus Amerika wurden übersetzt, auf welcher Seite stehst Du hier, which side are you on? Wir nahmen als Gruppe „Hölzerlips“ eine Platte für den Verlag Pläne auf mit Liedern der Fahrenden auf, teils in jenischer Sprache.

Hölzerlips war der Anführer einer Odenwälder Räuberbande und auch Musiker gewesen. Sein Skelett, er wurde nach dem Mord an einem Kaufmann hingerichtet, stand jahrelang in der Anatomie der Universität Heidelberg. Wir suchten in Archiven und Gerichtsakten nach schriftlichen Zeugnissen von Verfolgungen von Landlosen, Überschuldeten, von nicht Sesshaften, Wanderhandwerkern, gesellschaftlichen Gruppen oder Einzelgängern, die außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft lebten oder leben mussten, machten uns kundig über sogenannte unehrliche Berufe, forschten in Gerichtsakten. Wir suchten nach am Rand von Ortschaften gelegenen Hinrichtungsstätten, Galgenstätten. Noch im 19. Jahrhundert konnte ein Mensch für den Diebstahl eines Huhns gehängt werden….

Folk und Protestlieder erreichten uns damals vor allem aus Amerika. Auf den ersten Folk-Festivals waren „die Iren“ stark vertreten oder die Schotten. Man beneidete sie fast um die Hingabe mit der sie sowohl schwermütige Balladen und fröhliche Sauflieder in ihren Sprachen sangen. Aber dann gab es junge Leute die auf weite Reisen gingen, Folkies, die für sich die Lieder aus den Lieder-Sammlungen des 19. Jahrhunderts entdeckten von Liebe, von Sehnsucht, vom Suchen, vom Finden, vom Trinken, vom Maien, von wilden Vögelein oder Orff´sche Adaptionen. Zupfgeigenhansel, Elster Silberflug, Ougenweide, Hannes Wader… und musikalisch lebendig holten die sich, könnte man sagen, Lieder von den Nazis zurück. Aber auch neue Lieder wurden geschrieben, es entstand der Begriff “Liedermacher“. Viele dieser Zunft entdeckten auch den Reiz des Singens im Dialekt. Das führte zu einer enormen Bereicherung der Szene, auf Bayrisch, Schwäbisch, Hessisch, Platt singen, das fühlt sich ganz anders an, im Rock‘n Roll, im Folk: Es funktioniert auch mit neuen Liedern, bretonischer oder italienischer neuer Folk mit Harfe und Geige……

Weiter ON THE ROAD mit ZEITENWENDE, die Band bestand aus den Elstern Ulli und Barby, Jan Fride, bis heute Schlagzeuger bei der legendären Band Kraan, sie feiert gerade musikalisch frisch ihren 50. Geburtstag. Hartmut Höfele und Bernd Windisch von der Band Zugvogl aus dem Heidelberger Umland spielten mit, später kam der Percussionist Cäsar aus Stuttgart dazu.

Ich unterbrach flugs meine Mannheimer Projekte, mein Musikstudium war zu Ende und wir waren echt on the ROAD, tourten durch die BRD, spielten unsere Lieder bei vielen Alternativ-Projekten, Land-und Kulturkommunen, und nahmen eine LP auf, „Herren der Nacht.“

Zeitenwende mit Dorle Ferber

Es war eine Zeit des Aufbruchs, die Zeit der jungen Öko- und Friedensbewegung, Werner Piper und die Grüne Kraft im Odenwald, seine legendären Vollmondfeste wurden immer wieder angefahren. Leben, Arbeiten, Kunst, Musik, alles sollte ineinander greifen, Heilpflanzen wurden studiert, Brotbackrezepte machten die Runde, Leute wollten Schafe und Hühner halten, Wolle spinnen, spielten auf Protestveranstaltungen gegen Atomwaffen, den hier gelagerten Sprengköpfen, Ramstein Airbase, den geplanten AKWs und Wiederaufbereitungsanlagen….aber ich war auch mit „flute and voice“ auf dem Jazz-Festival in Frankfurt, beeindruckt von der Sängerin Jeanne Lee, von der musikalischen Freiheit, die sich im Jazz unter den Musizierenden entwickeln konnte, berauscht von einer Vielfalt von Klängen, war Mitglied in der Gesellschaft für Neue Musik, hörte die Volumina für Orgel von Ligeti, es gab stets Sprünge über Grenzen auch im eigenen Spiel und führte zu kleinen Ohren öffnenden Sonderprojekten mit Gleichgesinnten …

PAUSE? REFLECTIONS…In der Corona-bedingten Spielfreien Zeit Herbst Winter 2020/21 war ich am Zusammentragen eines Programms über Erinnerungen, 75 Jahre Kriegsende SAG MIR WO DIE BLUMEN SIND. Dabei stürzten ganze Kaskaden von Erinnerungen auf mich ein. Mit der Band Folk-Rockband COCHISE aus Dortmund bin ich intensive Jahre getourt, hab auf unzähligen Umsonst und Draußen Festivals gespielt, in besetzen Häusern übernachtet, von Friesland bis Allgäu, wir waren ein super eingespieltes Team, ein LKW mit Anlage und Licht, 2 Frauen, 4 Männer, wir bauten in Rekordzeit unsere Anlage in Mehrzweckhallen, Kneipensälen auf Bühnen an Seen, Wiesen und gefühlt in sämtlichen damals existierenden selbstverwalteten Jugendzentren auf. Wir spielten auf der legendären Friedensdemo im Bonner Hofgarten, auf Konzerten der Öko-Bewegung, wir spielten für Aktivisten der amerikanischen Ureinwohner und gegen die Regenwaldzerstörung, gegen das Bäume Abholzen und Wasser Verschmutzen. Es fühlte sich total gut an, mit dieser Gruppe auf Tour zu sein, ich freute mich jedes Mal aufs Spielen, es fühlte sich an, wie in etwas Größeres hineinzuschlüpfen, angeschlossen sein an die guten Geister des Universums, die Zeit hebt sich auf für die Dauer des Spiels, das stellt sich ganz von alleine ein, wenn ich spiele oder singe, egal was davor war, es holt mich ab, ich tauche ein, über Grenzen hinweg, im Idealfall geht es auf eine Reise mit allen, die da mitspielen.

Multiinstrumentalist Büdi Siebert wurde zum Musikerfreund, er hatte wie auch Martin Paul, Keyboarder von Ton, Steine, Scherben, eine Cochise-Tour mitgespielt. Er lud mich ein eine Tour mit seinen „Gumbls“ und dem Material seiner wunderschönen LP HMMM zu spielen. Er holt mich bis heute als Sängerin für „spezielle“ Aufgaben ins Studio und die Arbeit dort mit ihm ist immer sehr beflügelnd. Bei Aufnahmen für CDs des amerikanischen Gitarristen Larry Conklin habe ich auch Rüdiger Oppermann, Harfe, kennen gelernt. Irgendwann später trafen wir uns zufällig auf einer Raststätte und er hat mich als Workshopleiterin für Stimmabenteuer auf sein Sommermusikfest eingeladen. Auf seinem Label www.klangwelten.de konnte ich einige Jahre später mein Abum STROH ZU GOLD veröffentlichen.

EnkhjargalDandaarvanchig kurz Epi, genialer mongolischer Musiker mit Pferdekopfgeige, meisterlichem Ober und Untergesang, einer von Rüdigers musikalischen Partnern, wurde auch mir zu einem Musikerfreund. Ich lud ihn für gemeinsame Konzerte hier ins Bodensee-Hinterland ein. Unser Programm öffnete den Rahmen weit, vom wilden Ritt über das Grasland, innigen Liedern über die Steppe bis hin zu „junges Mädchen saß am Strande“ von der Bernsteinküste oder meinem Lied für die schöne Lau. Beim ersten Konzert mit ihm beim Stimmenfestival Pfullendorf, mischten dann bei der Zugabe noch zwei junge Musiker aus Rajastan mit, Mehandi Hasan, Sänger, Bruder Naushad an den Tablas, wir reisten zu viert…

IN DER PAMPA…Über die Freundschaft mit der Baukunstgruppe „Sanfte Strukturen,(www.sanftestrukturen.de) hatte es mich inzwischen ins Bodensee-Hinterland verschlagen, ebenso Ulli und Barby von Elster Silberflug.
Wir bespielten zusammen zahllose Mittelalterevents und Märkte, nahmen 2 CDs auf: Muget Ihr schauen und Spes. Holger Funke, Nyckelharpaspieler der Elstern, holte mich für seine erste poeta magica-CD ins Studio. In Heggelbach, dem coolsten Dorf des Linzgau, entsteht Pfingstens ein Sphinxtfest, absolut Kult weit über die Region hinaus. Ich bin dabei verantwortlich für das Sängertreffen im Parlatent. Ursprünglich sollte in dieser jurtenähnlichen Zeltkonstruktion, 300 Leute haben darin Platz, vor allem ein Sprach-Ereignis stattfinden. Bei Dorle Ferbers Sängertreffen, von Hartmut Höfele genial moderiert, darf jede und jeder, die oder der was zu singen weiss, mitmachen. Egal wie alt und egal wie oft schon oder ob überhaupt schon mal vor Publikum aufgetreten: Das Publikum lauscht mit Hingabe. Wie beflügelt wachsen manche in ihrem Vortrag über sich hinaus, glänzen auf einmal, alle Anwesenden lauschen mit Hingabe, verfolgen innig angeschlossen jede stimmliche Feinheit, helfen über sich kurz zeigende Unsicherheiten und belohnen jeden Beitrag mit von ganzem Herzen gerne gespendeten Applaus, das Parlatent ist immer wieder der wundersame Ort gemeinsam empfundener Freude…

WEITER ON THE ROAD…Mir platzt zeitweise schier der Kopf vor Musik, die im Innern loslegt und dann oft im nächsten Augenblick wieder weg ist, dafür kommt was Neues. Musikalische Gedanken gehen mit mir durch, es zieht mich immer wieder zu Sessions und neuen Projekten, mit Literatur, Performances, eigene Kompositionen. Mit dem Schlagzeuger und Percussionist Michael Kiedaisch habe ich die „Küchendämmerung“ entwickelt und aufgeführt. Das Instrumentarium bestand aus den Gerätschaften der Küche des Überlinger Naturata-Restaurants. The ROAD waren auch Klangexperimente mit Michael Kussls Metall-Klangobjekten, für Konzerte des Projekts „european echoes“ fuhren wir auf Einladung der schwedisch-deutschen Saxophonistin Biggi Vinkeloe, die ich in der Provence bei Kontrabass-Jazzlegende Barre Phillips kennengelernt hatte, nach Dänemark und Schweden, spielten in Röda Sten und in Fabrikhallen.

UND NOCH WEITER…Mehrere Male war ich in Solo auf der indonesischen Insel Java, das steht auf einmal im Raum. Jaya, Tänzer, Musiker, hatte mich vor über 10 Jahren dorthin zu einem international angedachten Kulturaustausch-Kongress eingeladen, für Kunstaktionen, Diskussionsveranstaltungen, Workshop, mit Künstler*innen, Forschenden, Studierenden.

Mir eröffnete sich dadurch ein Kosmos an Erfahrungen, Sounds, Töne, Formen, Gerüche, Bewegungen, Landschaften, Kultur. In Freundschaft dort aufgenommen, eingebunden in ein Projekt, veränderte es durch viele persönliche Erfahrungen auch den Blick auf Europa. Ökologie, Basisdemokratie, Globalisierung, Ressourcenverbrauch, technologien, Verteilungsgerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Leben in der Gemeinschaft, wie helfen wir einander, wie finden wir Lösungen im Kleinen wie im Universellen…
Ein eingeladener Referent, Professor und Leiter einer großen Universität aus Yogyakarta, beginnt seinen Vortrag über Ökologie des Wassers mit einem Lied über einen Fluss….Und dann sitze ich auf einmal, eingeladen vom Leiter eines Gamelan-Ensembles, im großen Kulturzentrum Taman Budaya in Solo bei Premiere einer Gamelan-Oper neben dem berühmten und absolut großartigen Sänger Slamet Gundono als Gast mit Violine auf der Bühne, es rieseln Rosenblätter von der Decke der Saal ist mit Bananenblättern geschmückt.
Oder mit Leuten aus Solo weiter zur Begnung im Kulturzentrum in Makassar auf Sulawesi, gewohnt haben wir dort einem architektonischen Museumsdorf mit traditionellen Gebäuden von allen Regionen dieser Insel, in einem Bugis-Königspalast, es gab ein Theaterprojekt mit Straßenkindern und eine Session mit Poesie, Tanz, Musik, Performance….

HALLO, HALLO THE ROAD GOES ON….so vieles habe ich ausgelassen, ich mache einen Schnitt, es ruft die Gegenwart, das Telefon klingelt, von draußen rufen die Vögel rein, ich bin bereit….hey, die Spur nicht verlieren, lasst Euch nicht verführen vom Gedröhn im Netz, bleibt am Ball mit Musik, Kunst, in Vielfalt und Freude und immer für Jetzt und bessere Zeiten!

Danke so vielen, die mit mir mit und ohne Bühne gespielt haben, die mir Inspiration waren, dazu die Stimmen und Instrumente dieser Welt, ich zähle sie ein anderes Mal auf….

Refrain von einem meiner Lieder :

Wär doch die Erde unser aller Garten
und hätten alle hier die gleichen Karten,

Keiner hungert, keiner bombt und keiner zerstört,
Weil der Planet uns doch gemeinsam gehört.
Unser aller Heimat ist die Erde,
tun wir alles, dass nicht zerstört sie werde,
Wasser, Luft und Land sind da für alle,
gerecht verteilt, reicht´s in jedem Falle.

THE ROAD?

wo gehen wir hin, wenn wir gehen?singt meine Klanginstallation vom Sommer 2021 mehrstimmig…

IM NETZ: Fotos, live-Termine, Pressestimmen, Kooperationsprojekte, Klangbeispiele, CD-Kritiken,Videos, Kompositionen, Klanginstallationen, Ausstellungen, Workshops, usw.:
www.dorle-ferber.de
Dorle Ferber bei Youtube…

Vidos auf dem you tube Kanal klangundeisen,
einige bei Jan Frides lambadalabo

Bin gerne in meinem Garten, im Wald, bei Euch und spiele nach wie vor gerne live!

Sommer 2021 Dorle Ferber

Danke, Dorle! Eugen

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